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JU-JUTSU / SEIN WESEN IM SPIEGEL DER ZEIT
Essay von Dr. Wilhelm Erber
Beginnen wir uns als Europäer mit einem Gebiet waffenloser
Selbstverteidigung zu beschäftigen, dringen wir unwillkürlich
mehr oder weniger in alte japanische Gesinnung und japanische
Kultur ein, die uns fremdartig und faszinierend erscheint. Geschichte
und Tradition sind tragende und formende Elemente, und manche
Eigenart, manch tieferer Einblick in die Wesensart einer japanischen
Kriegskunst wird uns erst durch das Verständnis seiner geschichtlichen
Entwicklung, seines sozialen und politischen Umfeldes deutlich.
In diesem Sinne möchte ich mit dieser Abhandlung beitragen,
das Wesen des ju-jutsu und sein Umfeld etwas zu beleuchten.
DER GESCHICHTLICHE HINTERGRUND
DAS KONZEPT
DAS RATIONALE
CONCLUSIO
JU JITSU - GEISTIGE GRUNDLAGEN UND WELTBILD
ZUR ERZIEHUNG UND DEM TRAINING EINES SAMURAI
DAS DOJO - REINE ÜBUNGSHALLE ODER MEHR?
REI-SHIKI ZEREMONIELL, ETIKETTE
MOKUSO MEDITATION, ENTSPANNUNG
ZUM VERHÄLTNIS LEHRER - SCHÜLER
ZUM WESEN DER JAPANISCHEN ÜBUNG
ZUR ENTWICKUNG DES SCHÜLERS
HARA
DER KIAI DER KAMPFSCHREI
DER GESCHICHTLICHE HINTERGRUND
Obwohl keine spezielle Klasse der japanischen Nation ein Monopol
auf Yamato-damashii, den japanischen Geist hatte, wurde dieser
doch am ehesten beeinflusst, getragen und geprägt von der
Kriegerklasse. Eine Klasse der Gesellschaft, die wie der Ritter
des europäischen Mittelalters mit hehren Attributen wie Loyalität,
Ehre, Tapferkeit, Selbstbewusstsein, Gehorsam, Opfertum,... identifiziert
wurde.
Das frühe Japan war von Jagd und Landwirtschaft charakterisiert,
bevor es noch hauptberufliche Krieger gab. Es war aber auch geprägt
von einem stark ausgeprägten und zersplitterten Stammeswesen,
dem sehr bald vor allem im Norden Japans, primär durch ökonomische
und soziale Faktoren bedingt, im 9. Jahrhundert der Krieger -
bekannt als der klassische bushi - als eigener Berufsstand entsprang.
Im 10. Jh. war die Kriegerkaste - die bushi - voll etabliert und
ein Vorrecht der Geburt. Man verstand unter Kampf ein zu erwartendes
Faktum menschlichen Lebens, unvermeidlich und immer wieder kehrend.
Kamakura Bakufu (1185-1333)
In den Wirren dieser Zeit und vor dem Hintergrund eines zur Dekadenz
degenerierten und korrupten Kaiserhofs (Taira) gelang es Yorimoto
(1147-1199) die bushi zu einen, sie zu den eigentlichen Herrschern
der Nation zu machen und dem Land Recht und Ordnung zu bringen.
Die bushi waren in mächtigen Clans organisiert gewesen (Buke)
und hatten mit den adeligen Familien des Landes (honke) rivalisiert.
Yorimoto war es, der 1185 eine straffe und gut organisierte Militärverwaltung
(bakufu = "Regierung vom Zelt") in Kamakura etablierte,
er wurde Japans erster Shogun (oberster Kriegsherr, Generalissimus).
Obwohl dem Kaiserhof unterstellt, war er der eigentliche Herrscher
Japans. Im Laufe der japanischen Geschichte gab es übrigens
bis in die Neuzeit mit kleinen Unterbrechungen drei derartige
bakufus (Shogunate). Erst 1868 endete diese Regierungsform des
mittelalterlichen Lehenswesens, als der Kaiser in Tokyo (Meiji
Dynastie) die direkte Regierungsgewalt, militärisch wie zivil
übernahm (konstitutionelle Monarchie nach preußischem
Muster).
Yorimoto stellte einen straffen Moralcodex für die bushi
auf, der bis heute seine Spuren hinterlassen hat, ja eigentlich
die Grundlage des japanischen Verhaltenscodex ist. Die Ursprünge
dieses Codex entsprechen den uralten japanischen Sittenidealen
loyaler Gefolgstreue und todesverachtenden Kampfesmutes, die während
der Heijan Zeit (794-1185) durch den elitären und verfeinerten
Lebensstil des Hofadels überlagert waren. Als philosophische
Richtschnur diente der Zen Buddhismus, den Mönche aus China
mitgebracht hatten. Für den bushi wie für den Zen Mönch
waren die geistigen Ziele durch meditative Selbsterkenntnis und
Disziplin bereits in diesem Leben zu erlangen, ein Traum vom Paradies
war nicht nötig.
Yorimotos System der Regierung basierte auf einer einfachen Dreiecksbeziehung,
bei der er als Shogun die Spitze präsentierte. Die Seiten
der Triangel, die Tugenden der Ehre und Loyalität ruhten
auf der Basis des bujutsu, der Technik des Kampfes.
Der bushi-Codex (bushido - "Weg des Kriegers") wurde
vielleicht am präzisesten 1905 von Nitobe Inazu zu Papier
gebracht und durch sieben Tugenden definiert:
- Sinn für Gerechtigkeit und Ehre
- Tapferkeit und Todesverachtung
- Nächstenliebe
- Höflichkeit und gesellschaftliche Umgangsformen
- Aufrichtigkeit und Achtung des anderen Ehrenwortes
- absolute Loyalität gegenüber dem Vorgesetzten
- Pflichtbewusstsein den eigenen Namen und den der Familie zu
wahren und zu verteidigen
Mit Yorimotos Tod fand dieser wohl ausgewogene Codex, das Weltbild
der bushi, ein jähes Ende. Obwohl die Herrscherfamilie dieser
Zeit, die Hojo, Japan beinahe ein Jahrzehnt von Recht und
Ordnung brachten, war das politische Gleichgewicht des Landes
instabil. Auf der einen Seite war der Kaiser in Kyoto, dessen
Macht auf der zentralen Doktrin der Nationalreligion Shinto beruhte.
Auf der anderen Seite war der Kriegsherr, der Shogun, in Kamakura,
dessen Macht von der persönlichen und der militärischen
Stärke derer, die er befehligte, abhing.
Yorimotos Nachfolger waren nun nicht in der Lage, dessen Erbe
weiterzuführen. Die Position des Shogun wurde zu einem auswechselbaren
Posten im anonymen Verwaltungsapparat des bakufu, zur Gänze
unter dem Einfluss des Herrscherhauses und ohne moralische Autorität
den bushi gegenüber. Dem so sorgfältig etablierten bushi-Codex
gingen die Tugenden der Ehre und Loyalität verloren; was
blieb war die harte Basis des Dreieckes, das bujutsu - die Kriegstechnik!
Das bujutsu allerdings und dessen ständiges Studium wurden
in dieser Zeit eine wichtige Grundlage und Voraussetzung für
die Wahrung der entstehenden Machtbedürfnisse lokaler Militärbefehlshaber,
die neben dem schwachen Shogun und dem noch schwächeren Kaiserhof
immer mehr an Einfluss gewannen. Es war eine Zeit ständiger
lokaler kriegerischer Auseinandersetzungen.
Erst eine gemeinsame Gefahr in Form zweier Invasionen Japans durch
die Mongolen im späten 13. Jh. (1274, 1281) einte für
kurze Zeit die bushi Klasse mit dem bakufu und dem kaiserlichen
Hof. Im Zuge dieser Invasionen mussten die bushi auch erkennen,
dass ihr Prinzip des Kampfes Mann gegen Mann gegen die mongolische
Kriegstaktik des Masseneinsatzes von Menschen beinahe zu einem
militärischen Desaster geführt hätte. Als Folge
davon wurde u.a. die Kunst der Befestigungstechnik (chikujo-jutsu)
ein Bestandteil des bujutsu, Techniken und Waffensysteme wurden
modifiziert.
Ashikaga (od. Muramachi) Bakufu (1336-1573)
An den innenpolitischen und gesellschaftlichen Diskrepanzen hatten
auch die mongolischen Invasionen nichts geändert. Im Gegenteil,
im Zeitalter des sengoku-jidai wurde Gewalt zum täglichen
Usus. Vom Standpunkt des bujutsu war es eine technisch produktive
Ära. Ethische und moralische Grundsätze wurden jedoch
schwer missachtet; die japanische Kriegskunst war drastischen
Änderungen unterzogen.
Aus diesen chaotischen Zuständen entsprangen eine der revolutionärsten
Veränderungen japanischer Kultur, die daimyos ('großer
Name'), mächtige Landesfürsten, die die Grundlage für
die künftige japanische feudalistische Kultur bilden sollten,
inklusive der Kriegskunst, und an Stelle des Shogun moralisches
und politisches Oberhaupt der bushi wurden.
Diese Landesfürsten fochten untereinander wie auch gegen
die Shogune endlose Fehden aus. Sie stützen jedoch ihre Macht
nicht nur auf die bushi; sie etablierten darüber hinaus stehende
Söldnerheere, denen nunmehr eine neue Klasse von Soldaten
angehörten, nobushi ('Fußsoldaten'; oder auch ashigaru
'leichtfüßige Soldaten') genannt. Diese rekrutierten
sich vorwiegend aus der einfachen Bevölkerung.
Damit nicht genug führten die daimyos die Zwangsrekrutierung
auch der Zivilbevölkerung, vorwiegend der Bauern, im Kriegsfalle
ein. Diese 'Soldaten auf Zeit' wurden ji-samurai genannt.
Nobushi und ji-samurai brachen damit das Monopol der bushi auf
das Tragen einer Waffe. Deren kollektive Stärke wurde zum
militärischen Rückgrat der einzelnen Heerführer.
Die klassischen bushi waren nun in der Minderzahl und der soziale
Status der Kriegerklasse geriet durch dieses System stark ins
Wanken; es konnten nunmehr ja auch Soldaten aus der 'gemeinen
Bevölkerung' rekrutiert werden. Das einzige, was den bushi
äußerlich noch vom gemeinen Soldaten unterschied, war
das Tragen zweier Schwerter (daisho / "Schwerterpaar"
bestehend aus katana / Langschwert + wakizashi / Kurzschwert),
wogegen letztere nur ein mittellanges Schwert tragen durften.
Ein weiteres geschichtlich bedeutendes Ereignis tat sein übriges
dazu. Mitte des 16. Jh. brachten die Portugiesen die ersten Feuerwaffen
ins Land. Deren Bedeutung für die Kriegsführung wurde
sehr schnell erkannt und die Feuerwaffe ins ständige Repertoire
der Armee aufgenommen. Dies bewirkte erbitterte Proteste seitens
der bushi. Den Feind aus der Ferne zu erschießen ist eine
Sache, die selbst ein Feigling kann, jemandem Auge in Auge gegenüber
zu stehen und die Klinge zu kreuzen, eine völlig andere.
Der Kampf war für den klassischen bushi eine Übung der
moralischen Stärke, die sich in physischem Geschick und Fertigkeit
äußerte.
Tokugawa (Edo) Bakufu (1603-1868)
Die Ära vom 8. bis Ende des 16. Jh. war geprägt von
ständigen inneren Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen,
die Grundlage für das Entstehen und die Hochblüte der
bushi und die Weiterentwicklung des bujutsu bis zur Perfektion
wurden.
Mit der Etablierung der Tokugawa Militärregierung
1603 in Edo, dem heutigen Tokyo, wurde das ganze Land jedoch brutal
geeint. Das Tokugawa bakufu war in der Tat für die nächsten
zwei Jahrhunderte eine straff organisierte Militärdiktatur,
die selbst das Kaiserhaus zu einem rein repräsentativen Apparat
degenerierte, welches der Traditionspflege diente und ohne politischen
Einfluss war. Tokugawa Ieyasu, der sich 1603 formell zum neuen
Shogun ausrufen ließ, gelang es überdies seiner Familie
die Erblichkeit des Shogun Titels zu sichern. Um auch den Daimyo
Fürsten jeden Willen und jede Möglichkeit zum Widerstand
zu nehmen, zwang er sie, abwechselnd in Edo zu residieren, und
verfügte auch strenge Reisebestimmungen.
Diese Edo Periode (1603-1868) war ein Zeitalter der außenpolitischen
Isolation, einer innen-politisch straff organisierten Militärdiktatur
und eines strengen hierarchischen Kastenwesens; es war aber auch
eine Zeit des Friedens in der die aktiv ausgeübte Kriegskunst
als dominierender Faktor aus dem japanischen Leben verschwand.
Der klassische bushi, der bushido Codex führte sich ad absurdum,
wurde zur leeren Hülle. Es entstanden neue philosophische
Strömungen (z.B. Neo- Konfuzianismus) und vor dem Hintergrund
der Suche nach einem neuen moralischen und weltanschaulichen Halt
entwickelte sich das klassische budo.
War das bujutsu, das Training für den Kampf, einer kleinen
Oberschicht vorbehalten, so machte das budo die Kampfestechnik
und auch ethische und philosophische Hintergründe der breiten
Bevölkerung zugängig.
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DAS KONZEPT
Um den Begriff 'Kriegskunst' aus heutiger Sicht im Sinne der japanischen
Kultur besser verstehen zu können, ist es notwendig zwischen
zwei grundsätzlich unterschiedlichen Begriffen unterscheiden
zu können: budo ("der Weg des Kampfes") und bujutsu
('Kampftechnik', auch als bugei bezeichnet).
Unter jutsu ('wahr', 'Technik') versteht man eine Kampffertigkeit,
Wissenschaft oder Technik, verwurzelt in der Tradition einer bestimmten
Schule (ryu), und erst nach langjährigem Training erlernbar.
Der Begriff ist ursprünglich mit allen 'gewalttätigen'
Kriegskünsten verbunden, ebenso wie der Begriff do allen
Kriegskünsten zugesprochen wird, die nicht für den echten
Kampf ausgelegt sind.
Abgesehen von ju-jutsu beinhalten alle Kriegskünste mit dem
Element jutsu auch noch den Namen der Waffe, die verwendet wird
(z.B. kyu-jutsu, jo-jutsu,...).
Der Affix ju im Begriff ju-jutsu kann mit 'weich', 'anpassungsfähig',
'harmonisch' oder auch 'sanft' übersetzt werden. Jedes dieser
Worte trifft den Sinn aber nur teilweise. Das Konzept des ju versteht
sich sowohl im mentalen wie auch im physischen Kontext; es impliziert
Anpassungsfähigkeit und Geschmeidigkeit ebenso wie Geschwindigkeit
und Kraft. Ganz so wie ein Bambusrohr, das dem Gewicht des Schnees
nachgebend sich biegt bis die Schneelast abfällt und der
Bambus sich mit mehr Kraft und Geschwindigkeit aufrichtet, als
beim Biegen durch den Schnee aufgewendet wurde. Es ist das ständige
Wechselspiel von Nachgeben und Widerstand, welches das Prinzip
des ju ist, das im übrigen alle japanischen Kampfmethoden
zu dem dynamischen System macht, das sie auszeichnet. Ju steht
somit in direktem Gegensatz zum Prinzip der Kraft, Härte
(go).
Das klassische budo ist eines der Produkte des intellektuellen
Zeitalters der Tokugawa Periode und teilweise von philosophischen
Schulen Chinas beeinflusst. Budo ist ein philosophisches System,
das nicht notwendigerweise von Kriegern für Krieger entwickelt
wurde.
Es dient der Selbstperfektion des Individuums mittels des Studiums
und Praktizierens kriegerischer Künste.
Das Tao der Chinesen und das Marg der Inder sind moralische, ethische
und auch ästhetische Konzepte. Das japanische do hingegen
hatte ursprünglich weder religiöse noch andere transzendente
Hintergründe. Mit dem für die Japaner eigenen praktisch
orientierten Sinn war es einfach ein 'Pfad' des Lebens in Freiheit
mit all seinen Schwierigkeiten, die solch ein Weg mit sich brachte.
Damit entsprachen die Japaner voll der Gesinnung des griechischen
Altertums: sich selbst zu erkennen und seinen Geist zu benutzen,
um die eigenen Reaktionen und Emotionen zu zähmen, steuern
und kontrollieren. Der Weg - do - ist daher eine ständige
Suche nach Selbstperfektion, mit dem Ziel der geistigen Harmonie
mit sich selbst und der Umwelt. In diesem Sinne könnte man
das do der Japaner auch als aktiven Part des Zen interpretieren.
Das bujutsu hängt großteils vom technischen
Können ab, dieses zu erlangen geht aber nur nach dem Grundsatz:
"Zu wissen und zu agieren ist ein und
das selbe".
Dies zu erlernen wird erreicht durch Agieren, durch ständiges
Üben und nicht durch Worte. Die Aktion selbst wird optimiert
durch das Schärfen der Sinne bis hin zu einem intuitiven
Erkennen der Situation (kan).
Diese psychologische Methode des Lernens fand auch im klassischen
budo völlige Zustimmung, die Prinzipien wurden jedoch amplifiziert:
"kan-ken fuatsu no koto"
Der Krieger in Ausübung des bujutsu verstand darunter den
feinen Sinn mit dem sowohl die Augen (ken) als auch das Gefühl,
die Intuition (kan) als Mechanismus des Bewusstseins in Zeiten
der Gefahr, des direkten Kampfes dienen sollten.
In Verbindung mit dem klassischen budo erlangte obiger Begriff
einen philosophischen Hintergrund, jenen des Sehens (ken) und
des Verstehens des inneren ich (kan).
Das Wort budo ist den Japanern seit langem durch die Chinesen
bekannt. Die Chinesen verstanden darunter ursprünglich die
Durchführung der Regierungsgeschäfte, militärischer
wie ziviler Art; es sollte stets eine Balance zwischen akademischer
und kriegerischer "Erfahrung" aufrecht gehalten werden.
Ursprünglich schienen die Japaner diese Bedeutung übernommen
zu haben, aber mit dem Ende der Kamakura Periode (1185-1336) dürfte
das Verständnis für das budo auf die reine Führung
der Nation durch militärische Stärke eingeengt worden
zu sein. In den kriegerischen Epochen des 14. bis 16. Jahrhunderts
war ein wesentlicher Bestandteil des budo das Kultivieren der
Tugenden des klassischen Kriegers und bestimmter ethischer Werte.
In der Edo Periode ging man so weit, den Kern des budo mit dem
ethischen Code des klassischen Kriegers gleichzusetzen.
Die Schaffung des "Weges des Kampfes" war ein Ausdruck
intellektueller und spiritueller Freiheit der damaligen Zeit,
mit der man der sozialen und politischen Enge entkommen wollte.
Budo weckte den Wunsch der Menschen durch Übung der Disziplinen
einen Zustand der Selbst-Erkenntnis zu erreichen. Zahlreiche technische
Grundlagen des bujutsu wurden übernommen, stets aber nur
als Mittel zum Zweck betrachtet.
Klassisches budo war jedoch wie das bujutsu tiefverwurzelt in
der Kultur des feudalistischen Zeitalters, es war weder soziales
Engagement noch reiner Sport oder ästhetisches Vergnügen,
sondern ernsthaftes Training des Geistes. Vielleicht lässt
sich der Unterschied zwischen beiden am leichtesten durch die
unterschiedlichen Prioritäten verstehen:
klassisches bujutsu
1. Kampf
2. Disziplin
3. Moral |
klassisches budo
1. Moral
2. Disziplin
3. ästhetische Form |
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DAS RATIONALE
Ju-jutsu wurde als Kampftechnik von den bushi während der
Kamakura Periode (1185-1333) entwickelt, es war Bestandteil des
bujutsu. Gedacht war diese Technik für entwaffnete Krieger,
und damit waren Krieger ohne katana/Langschwert gemeint, um sich
gegen den bewaffneten Feind mit allen noch zur Verfügung
stehenden Mitteln verteidigen zu können. Im Laufe der Zeit
bildeten sich verschiedene Schulen heraus, wie z.B., wa-jutsu,
yawara, kogusoku, kempo, hakuda oder shuhaku. Verschiedene Bewegungsabläufe
und Gegentechniken wurden auch von chinesischen Kampfmethoden
(shaolin-si) bzw. aus Okinawa übernommen. Eine reziproke
Bewegung fand übrigens, wie so oft zwischen Japan und China
an der Wende des 16. zum 17. Jahrhunderts statt, wo ju-jutsu von
chinesischen Diplomaten nach China exportiert wurde.
Das Axiom
ju yoku go o sei suru (Flexibilität meistert
die Härte)
wurde zum Leitsatz des ju-jutsu.
Bestimmte technische Aspekte des Kampfes waren ursprünglich
beeinflusst durch das Tragen der Rüstung (katchu). Schlagtechniken
(atemi) mit der bloßen Hand hätten nur zur eigenen
Verletzung geführt. Es war daher logisch, dass der Nahkampf
von Grifftechniken geprägt war. Atemi wurde zusätzlich,
stets aber mit dem stumpfen Ende der Hauptwaffe durchgeführt.
In allen prä-Edo bujutsu Schulen der Kriegerklassen war
ju-jutsu stets ein sekundäres System, den Waffengebrauch
ergänzend und nur für den Notfall im Zweikampf gedacht.
Ein unbewaffneter Zweikampf war selten, der klassische Krieger
dieser Zeit war stets bewaffnet; selbst wenn er die Rüstung
ablegte, war das Schwert sein ständiger Begleiter
In der Edo Periode (1603-1868), einem Zeitalter politischen Friedens,
verbreiteten zahlreiche ju-jutsu Schulen ihre Techniken über
das ganze Land. Im Laufe der Zeit verzichtete man auch auf das
Tragen der Rüstung, was das Herausarbeiten differenzierterer
Techniken ermöglichte, ebenso wie chinesische Kampfmethoden
(insbesondere ch'uan-fa) deutliche Spuren hinterließen (ein
Produkt dieses Einflusses ist Kempo).
Die Entwicklung ging im Prinzip in zwei Hauptrichtungen: Auf der
einen Seite waren Schulen, die ju-jutsu im klassischen Sinne weiterführten.
Meist von ronin geleitet, das waren bushi oder samurai, die keinem
speziellen Herren dienten, war die Schulung im Waffengebrauch
integraler Bestandteil der Techniken. Als modernes Pendant dazu,
und grundsätzlich dem selben Zwecke dienend, könnte
man Taiho-jutsu bezeichnen; ein System der Verteidigung und des
Angriffes, 1947 von der japanischen Polizei entwickelt und in
erster Linie auf dem Einsatz des Keibo (Polizeistockes) aufbauend.
Andere Schulen hingegen arbeiteten in der Edo Periode vollständig
waffenlose ju-jutsu Systeme heraus; insbesondere solche, die von
Nicht-Kriegern gegründet worden sind, da jenen ja das Tragen
von Waffen verboten war. Durch das politische Umfeld bedingt wurde
die Intention des klassischen Kriegers nach einer dem echten Kampf
dienlichen Kriegskunst ersetzt durch die Befriedigung in der Ausübung
von Bewegungsabläufen. Der Wunsch nach Selbstschutz wurde
abgelöst durch den Wunsch nach Selbstperfektion, in vielen
Schulen verbunden mit einem Verlust des ganzheitlichen Gedankenguts
des bushido, zu dem auch ethische und moralische Tugenden gehörten.
Dies gab seinerseits der Entwicklung und dem Ansehen der 'Wege
des Kampfes' (budo) gehörigen Auftrieb.
Erst mit dem Niedergang der Meji Periode (1869-1912), einer Zeit
wo selbst den Samurai das Tragen von Schwertern sowie die im feudalistischen
Japan üblichen Stammesfehden, verboten waren, wurde ein eigener
und einheitlicher Codex des ju-jutsu festgelegt: Das Grundprinzip
war, den Feind mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln und
unter minimalem Kraftaufwand zu bekämpfen. Folgende Prinzipien
wurden dabei als wichtig angesehen:
Man muss in der Lage sein
- die Kraft der gegnerischen Attacke abzuschätzen und dieselbe
gegen tori anzuwenden.
- im Zuge der Konfrontation den Gegner außer Gleichgewicht
zu bringen.
- einer Attacke, wenn möglich zu entkommen
- selbst angreifen zu können, ohne notwendigerweise toris
Schwachpunkte zu erreichen.
- einen Gegner mittels Hebelanwendungen werfen zu können.
- einen Gegner am Boden fixieren zu können, mittels Hebel-
oder Würgetechniken
- die gegnerischen Vitalpunkte derartig schlagen zu können
mit der Folge von Bewusstlosigkeit, schweren Verletzungen oder
sogar Tod.
Ju-jutsu wurde ursprünglich ganz im Sinne des bushido-Codex
entwickelt, mit einem klaren Verhaltenscodex als Hintergrund.
Im Laufe der Zeit wurde es aber als effiziente und aggressive
Offensivtechnik auch von den Ninja (Agenten, von den Daimyos eingesetzt
zur Spionage, Gegenspionage und subversiver Tätigkeit) und
Banditen eingesetzt. Dies mag einer der Gründe für die
mancherorts schlechte Reputation des ju-jutsu sein, die es bis
heute nicht gänzlich verloren hat.
VOM JU-JUTSU ZU JUDO
Im 17.-18. Jh. gab es unter den vielen Schulen auch das kito-ryu,
dessen Gründer Ibaragi Sensai die Kampftechniken des ju-jutsu
in ein System ästhetischen Verhaltens umzuwandeln versuchte.
Der Unterricht in verschiedenen Waffensystemen war aber noch Bestandteil
dieser Schule. Aus dieser Schule entwickelte Terada Kanemon seine
Schule des jikishin-ryu. Es war sein Verdienst, aus dem alten
System des ju-jutsu das moderne System des Kampfes ausschließlich
mit den bloßen Händen entwickelt zu haben. Er eliminierte
sämtliche Waffen sowie letale Techniken aus seinem Repertoire
und verwendete für sein System bereits den Namen Judo.
"Das Ziel des Judo ist es, die Gesetzmäßigkeiten
der Bewegung zu
verstehen und zu demonstrieren."
Überarbeitet und umgewandelt in den modernen
Kampfsport schließlich wurde das System des jikishin-ryu
von Kano Jigoro (Kodokan Judo, 1922).
Paradoxerweise scheint dem Judo aber heutzutage dasselbe Schicksal
ereilt zu haben, wie dem bushido der vergangenen Jahrhunderte.
Modernes Judo wird heute immer mehr ein Wettkampf der Stärke
verstanden, mehr in den Bereich des Ringens passend, als dem ursprünglichen
Geist des Judo entsprechend. Für Kano Jigoro war Judo mehr
als eine reine Kunst unbewaffneter Selbstverteidigung, es war
vielmehr eine Philosophie, eine Kunst des täglichen Lebens.
"Das Studium der allgemeinen Prinzipien des Judo" sagte
er " ist wichtiger als das einfache Praktizieren des ju-jutsu."
Die beiden Grundsätze Kano Jigoros, die Hauptpfeiler waren:
seyrioku zenyo - setze deine Energie sparsam und
wirksam ein
jita kyoei - gegenseitige Hilfe und beiderseitiges Wohlergehen
AIKIDO
Noch weiter als in der Entwicklung des Judo ging Morihei Ueshiba
(1881-1961). Von Jugend an mit den Techniken des ju-jutsu, ken-jutsu,
der Verwendung der naginata sowie des Stockfechtens bestens vertraut,
waren ihm persönlich alle diese Schulen viel zu sehr von
der Philosophie des Kriegers im althergebrachten Sinne durchdrungen,
bzw. fehlte ein für ihn tragbarer ethischer Hintergrund.
Er schuf ein Verteidigungssystem, bei dem ganz im Gegensatz zum
ju-jutsu der Kampf "Hand in Hand" verpönt ist.
Von den alten jutsu Techniken übernahm er nur die schwungvolle
und präzise Bewegung und die "entschiedene Gesinnung"
(Kime):
ein Fokussieren der gesamten physischen und psychischen Kraft
auf einen Punkt, sei es das eigene hara, sei es ein Punkt gerade
hinter dem Ziel der Attacke (kikomi). Es ist dies somit die "ultimative
Entscheidung", die das gesamte "Ich" in einem einzigen
Moment und einer einzigen Bewegung mobilisiert.
Mit Hilfe seiner Techniken sollte es möglich sein, die Aggression
eines Gegners, sei er unbewaffnet oder bewaffnet, zu neutralisieren,
sie abzuwenden und ohne Verwendung eines harten Konter auf den
Gegner zurückzulenken.
Ein globales Konzept, welches das ganze japanische Leben und alle
kriegerischen Künste Japans durchzieht, ist das ma-ai. Es
ist dies die räumliche bzw. zeitliche Distanz, welche zwei
Dinge, zwei Aktionen trennt. Hat ein Opponent ein gutes ma-ai,
so kann er seine Technik beinahe perfekt durchführen; ist
er in der Lage, das gegnerische ma-ai zu durchdringen, so kann
er seinen Opponent bezwingen. Gerade im Aikido wird auf dieses
Prinzip besonderer Wert gelegt, es macht das Üben so dynamisch
und verhindert das statische Verharren der Übenden "Hand
in Hand".
Ueshiba selbst war tief religiös und wollte seine Techniken
von einem Gefühl der Harmonie mit allen Menschen durchdrungen
wissen. Er selbst definierte seine Kunst als "den Weg der
Liebe der Menschheit" und, vom Schwertkampf beeinflusst:
"jemanden helfen die wahre Natur des Menschen zu verstehen
durch das zerschneiden alles Bösen in einem selbst".
Das Schwert, nicht notwendig in Friedenszeiten wird dabei durch
das Schwert des Geistes ersetzt.
Ueshiba hob die Wichtigkeit der Harmonie zwischen Atem (ki) und
Körper (tai), sowie zwischen Gesinnung (shin) und moralischem
outlook (ri) hervor.
All die Bewegungen des Aikido zielen darauf hin, sich von psychologischen
und körperlichen Barrieren zu befreien, in Einklang mit der
eigenen Bewegung zu atmen und sich letztlich als Lebendes selbst
zu fühlen in Harmonie mit seiner gesamten Umgebung.
Die Ursprünge des Aikido, seine Besonderheiten in den Techniken
gehen weit zurück bis in die Kamakura Periode (1185-1333).
Perfektioniert wurde diese Methode von der Takeda Familie im 17.
Jh (aiki-jutsu genannt).
Top
CONCLUSIO
Ju-jutsu scheint heutzutage von modernen budo Schulen wie Judo,
Karate-do oder Aikido entthront zu sein; degradiert zu einer Ansammlung
von Techniken für den Ernstfall, aber ohne ethischen Hintergrund.
Bis auf erste Ansätze in jüngster Vergangenheit war
ju-jutsu auch wenig interessant für den Wettkampfsportler.
Ju-jutsu bietet nur sehr wenig für den an Esoterik oder fernöstlichen
philosophischen Schulen interessierten Anfänger.
Wie dem auch sei, ju-jutsu bildet die Basis beinahe aller Techniken,
die in heutigen Kampfsportarten verwendet werden. Es versteht
sich zwar als "sanfte Technik", war aber von seinem
Konzept her untrennbar mit moralischen und weltanschaulichen Grundsätzen
verbunden. Wenn auch Yorimotos Tugenden der Ehre und Loyalität,
die strikten japanischen Wertbegriffe des bushido Codex in dieser
Form nicht dem Wesen eines modernen Westeuropäers entsprechen,
so sind auch wir in einem Weltbild eingebettet und haben unsere
moralischen Wertbegriffe.
Wenn wir das nicht vergessen und danach handeln, können wir
ju-jutsu durchaus als das verstehen und "erfahren" was
es vom Konzept her ist, eine Übung für den "Ernstfall"
(heutzutage vielleicht als reine Verteidigung gegen einen aggressiven
Mitmenschen zu definieren), der hoffentlich nicht kommen möge.
Umgekehrt sollten wir uns aber auch bewusst sein, dass gerade
manche "modernen" budo Schulen in ihrer Spezialisation
da und dort und wichtige Prinzipien des klassischen bujutsu konserviert
haben; und wir sollten uns nicht scheuen, diese für uns wieder
zu entdecken.
LITERATURLISTE (unter anderem):
" Draeger D.F.,
The Martial Arts and Ways of Japan: Volume I. Classical Bujutsu.
Weatherhill. New York & Tokyo, 1973.
" Draeger D.F.,
The Martial Arts and Ways of Japan: Volume II. Classical Budo.
Weatherhill. New York & Tokyo, 1973.
" Frederic L.,
A Dictionary of the Martial Arts.
The Athlone Press, 1991.
" Hasendonck F.M.
Das praktische Handbuch der Judo-Techniken.
BLV Verlagsgesellschaft München, Wien, Zürich, 1981.
" Hempel R.
Japan zur Heian-Zeit.
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1983.
" Nocquet A.,
Der Weg des Aiki-Do.
Kristkeitz Verlag, 1975.
" Westbrook A., Rattri O.,
Aikido and the Dynamic Sphere.
Charles E. Tuttle Company. Rutland, Vermont & Tokyo 1970.
Top
JU JITSU - GEISTIGE GRUNDLAGEN UND WELTBILD
Immer mehr fördert das schnelle Überwinden von Entfernungen
und die internationale Öffnung den nicht nur materiellen,
sondern auch kulturell - geistigen Austausch zwischen Völkern.
Die eigene Tradition, Wesensart, Verwurzelung verhindert eine
tiefe Assimilierung des uns fremdartigen Gedankenguts, und bedingt
so ein neues "verfälschtes" Verständnis einer
andersartigen Kultur. Der Rahmen wird aufgenommen, doch das Bild
oft anders von der eigenen Gesinnung verstanden, definiert und
geschaffen.
Besonders ins Auge stechend ist das Spannungsverhältnis zwischen
dem asiatischen und dem europäischen Zugang zu den Kampfkünsten
und deren Lehre.
Welchen persönlichen Zugang man auch immer hat; das Dilemma
in dem Versuch "Kampf" zu taxieren und zu interpretieren,
zeigt sich schon in den Termini bujutsu und budo. Was ist denn
"rechtens"? Die "gewalttätigen" Wurzeln
einer Gesellschaft, bestehend aus vielen Clans, deren primäres
Ziel war, als Gruppe zu überleben, oder das individuelle
Bedürfnis nach persönlicher Weiterentwicklung, eingebettet
in einem starren politischen Gesellschaftssystem, dessen Existenz
bei weitem nicht auf dem Spiel stand?
Es ist der kollektive Überlebenstrieb so alt wie die Menschheit
selbst. Aber kaum wo anders als in Japan hat dies zu einer derart
ausgeprägten und formalisierten Konditionierung, Erziehung
und Vorbereitung der einzelnen Menschen von Kindheit an auf den
Kampf geführt; und das auf allen Ebenen seiner physischen
und psychischen Existenz. Die Prioritäten des klassischen
bujutsu und seiner Erziehung liegen daher klar in Kampf, Disziplin
und absolutem Gehorsam und, wenn nötig, Selbstaufgabe des
Individuums dem Nutzen des Clans gegenüber. Die ethischen
Werte waren klar von diesem Ziel geprägt. Moral als Ausdruck
individueller Reife steht erst an dritter Stelle in der Prioritätenliste.
Die Schaffung des budo, des "Weges des Kampfes" in seiner
auch heute noch gültigen Interpretation war demgegenüber
ein Ausdruck plötzlich aufbrechender intellektueller und
spiritueller Freiheit. Im 16. Jahrhundert kam es zu einer epochalen
Wende im Sozialgefüge Japans. Es folgte eine Zeit des Friedens,
in der das kollektive Überleben nun nicht mehr auf dem Spiel
stand. Die Möglichkeit Schwerter im Kampf einzusetzen, schwand
zusehends, aus kriegerischem Können wurde eine Kriegskunst,
die, vom ursprünglichen Ziel des Tötens hinweg, zunehmend
Wert auf Selbstbeherrschung und auf die charakterbildenden Eigenschaften
der Schwertfechtkunst legte. Die militärische Wirksamkeit,
die ohnehin nicht mehr unter Beweis gestellt werden konnte, trat
zunehmend in den Hintergrund. So entstand eine regelrechte Mystik
des Schwertes, die mehr auf Philosophie als auf Kampftechnik ausgerichtet
war.
Individuelle Wünsche der Menschen durch Übung der Disziplinen
einen Zustand der Selbst-Erkenntnis zu erreichen, standen nunmehr
im Vordergrund. Zahlreiche technische Grundlagen des bujutsu wurden
übernommen, stets aber nur als Mittel zum Zweck betrachtet.
Moral, Disziplin und ästhetische Form sind bis heute die
Eckpfeiler klassischer budo Erziehung, geprägt durch die
Bedürfnisse des Einzelnen nach Weiterentwicklung, und die
Basis aller japanischen "Kampfsportarten", sei es -do
oder -jutsu.
"Wenn die Menschen nur harmonisch zusammenleben
lernten,
wäre die Erde ein Paradies.
Aber jeder Mensch hat nicht nur eine gute, sondern auch eine böse
Seite,
und es gibt Zeiten, da überwiegt die böse.
Dann ist die Welt kein Paradies, sondern die Hölle.
Formen und Sitten haben ihren Sinn.
Sie halten das Böse in uns in Schranken.
Das stützt die gesellschaftliche Ordnung, die in den Gesetzen
der Regierung proklamiert wird."
(Roman Musashi)
"Effiziente" Selbst-Verteidigung, Persönlichkeits-Schulung,
sportliche Ertüchtigung, sich messen im fairen Wettkampf,
vielleicht auch das Gefühl des Elitären, all das sind
Motive von uns Nicht-Japanern, sich in einer japanischen Kampfsportart
zu schulen, in einer der vielen ryus, - do's oder - jutsu's deren
Schwerpunkt in dieser Schlagform oder jenem Wurfprinzip liegt.
All diese Motive sind legitim und sollen auch durch die Vielfalt
im Angebot abgedeckt werden.
Es darf aber nicht vergessen werden, dass die ultima ratio der
"martial arts" der Kampf war, das Ziel den Gegner zu
töten, und dass es letztlich "nur einen Weg gibt einen
Menschen zu erschlagen". dass in dem Augenblick, in dem man
sein Leben zu verlieren droht, man versucht, sich jede verfügbare
Waffe zunutze zu machen.
"Mit einer nicht benutzten Waffe an der Hüfte zu
sterben, das möchte ja wohl keiner." (Musashi)
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ZUR ERZIEHUNG UND DEM TRAINING EINES
SAMURAI
Die gesamte Erziehung des mittelalterlichen Samurai war geprägt
vom Ehren- und gesellschaftlichen Codex des bushido - des "Weg
des Ritters". Inatsu Nitobe fasste als erster diese Geisteshaltung
unter drei Hauptbegriffe zusammen: chi (Weisheit), jin (universelle
Liebe) und yu (Mut).
Ein Samurai war in erster Linie ein Mann der Tat. Die Wissenschaften
waren nicht sein primäres Interesse; Religion und Theologie
waren den Priestern vorbehalten. Der Samurai verwendete sie nur
um seinen Mut aufrecht zu halten.
"Es ist nicht der Glaube, der den Menschen
rettet,
es ist der Mensch, der den Glauben rechtfertigt."
Er studierte Philosophie und Literatur, aber er
strebte nicht nach absoluter Wahrheit. Die Philosophie wurde herangezogen
um den Charakter zu formen, aber auch um politische oder militärische
Probleme zu lösen. Es war eine perfekte Methode, sich dem
Gebot der Vernunft zu unterwerfen.
Literatur wurde als angesehener Zeitvertreib betrachtet.
Die Hauptpunkte des Lebenslaufes eines Samurai waren Fechten,
Bogenschießen, Reiten, Verwenden des Speeres, Taktik, Ethik
(Sittenlehre, Moral)), Literatur, Geschichte (Chronik), Kalligraphie
und ju-jutsu (od. yawara).
Das harte Studium der Kriegskünste begleitete den Samurai
durch sein ganzes Leben; die Ausbildung des Charakters und des
Herzens wurde als heilige Pflicht des Lehrers gegenüber seinen
Schülern angesehen.
"Es sind die Eltern, die mich geboren haben.
Es ist der Meister (Lehrer) der aus mir einen Menschen macht."
war ein basaler Grundsatz in der Erziehung des Samurai.
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DAS DOJO - REINE ÜBUNGSHALLE
ODER MEHR?
Betrachtet man die Schriftzeichen des Wortes dojo, so liegt die
Vermutung nahe, dass es sich um einen Ort des Studiums des Weges
(do) handelt. Das trifft auch zu, nur, das dojo gab es schon,
als die Worte judo, kendo, aikido noch unbekannt waren.
Dojo ist eigentlich der Name eines Ortes für religiöse
Übungen, seine ursprüngliche Bedeutung im Sanskrit ist
Bodhimandala, d.h. Ort der Erleuchtung. Ohne Zweifel ist auch
dieser Name dem Zen-Buddhismus entlehnt worden.
Das dojo hat in der zen-do, der Meditationshalle des Zen-Buddhismus
sein Vorbild, und ein gewisser Eindruck des Tempelhaften, Ruhigen,
Kontemplativen ist allen Übungshallen gemeinsam.
Für jeden ernsthaft Übenden ist das dojo auch heute
noch eine Stätte der Meditation und Konzentration, ein Ort
des Lernens, der Brüderlichkeit, der Freundschaft und des
gegenseitigen Respekts, geprägt durch seinen Meister.
In jedem dojo ist eine Seite, üblicherweise dem Eingang gegenüberliegend,
als shinzen (Ort Gottes, =kamiza, Sitz der Götter) besonders
ausgezeichnet. In den meisten Hallen steht hier in einer kleinen
Nische ein Altar, der dem Geist des Gründers des dojo oder
einer anderen shinto Gottheit (kami) geweiht ist. Dies steht dafür,
dass der dojo auch höheren Werten und Tugenden des Weges
gewidmet ist, und nicht nur der rein physischen Übung.
Betritt man ein dojo - immer in ordentlicher Kleidung und gesammelt
-, so verbeugt man sich in Richtung des kamiza und drückt
so seinen Respekt aus. Die Seite rechts vom Eingang ist der obere
Sitz (yoseki). Ihr gegenüber liegt der untere Sitz (shimoseki).
Bei der Begrüßung (rei), die in allen japanischen budo
und bujutsu Künsten vor und nach dem Training im Anschluss
an einen Moment der Sammlung (mokuso) ausgeführt wird, sitzen
die Lehrer an der yoseki Seite und die Schüler and der shimoseki
Seite. vom kamiza aus betrachtet in abnehmender Rangordnung.
Das dojo ist einfach, bis auf eine Kalligraphie oder ein Bild
des Gründers schmucklos, peinlich sauber gehalten und verzichtet
aus Prinzip auf jeden Luxus. Es ist ausgerichtet auf die Forderung
der Zen-Mönche für Einfachkeit, Abhärtung und Genügsamkeit.
Über das Verhalten im dojo gibt es in den verschiedenen Lehrbüchern
detaillierte Vorschriften: korrektes Sitzen, Gehen, Verbot unnötigen
Redens gehören genauso dazu wie eingehende hygienische Vorschriften.
Drei mögliche Gründe für die Notwendigkeit derartiger
dojo Regeln werden angeführt:
- Sicherheit im Übungsbetrieb,
- Nutzeffekt im Unterricht,
- Erziehung zur Höflichkeit - auch im täglichen Leben
Nur so kann offensichtlich der zu Tage tretende Aggressionstrieb
im Training kontrolliert, wie auch ein Nutzeffekt zur körperlichen
und wesentlich zur geistigen Entwicklung des Trainierenden gezogen
werden.
"Anfang und Ende des Budo ist die Form",
wie es ein Meister aus der Meiji-Zeit ausdrückte.
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REI-SHIKI ZEREMONIELL,
ETIKETTE
Allen Kriegskünsten sind also gewisse Anstandsregeln vor,
während und nach den Wettkämpfen oder dem Training zu
eigen. Von dem Augenblick, wo der Schüler das dojo betritt,
unterliegt er gewissen Regeln des guten Anstandes und der Etikette,
nicht nur aus Respekt dem dojo, sondern auch seinem Meister und
den Mitschülern gegenüber.
Primär gehören dazu die verschiedenen Formen der Verbeugung,
dem Erbieten des Respekts und der Aufrichtigkeit (rei). Es kann
im Stehen (tachi-rei), aus dem traditionellen Kniesitz (za-rei)
oder auch aus dem Schneidersitz (hai-rei) gemacht werden. Mit
rei beginnt und endet die Übungseinheit.
Regeln (ritterlicher) Höflichkeit und gegenseitiger Hilfestellung
sind aber nicht minder wichtig.
Das bedeutet, dass rei-shiki nicht bloß formalisierte Gesten
der Höflichkeit beinhaltet, sondern dass dahinter wesentliche
Qualitäten stehen sollen wie Bescheidenheit, Mitleid, sich
um den anderen kümmern und Großzügigkeit.
Im Training legt der Partner seine Gesundheit, sein Wohlergehen
in die Hände des Übenden. Wir sollten dieses wertvolle
Geschenk mit höchstem Respekt und Vorsicht behandeln.
Es ist undenkbar, dass eine Kriegskunst, die ihren Namen verdient,
ohne dieser "Etikette des Herzens" ausgeübt werden
kann. Dabei ist es letztendlich völlig unerheblich, wie diese
Etikette im Detail aussieht; sie variiert von dojo zu dojo. Für
die einzelne Gruppe bildet sie aber das Bindeglied, die Spange
der alle Mitglieder folgen, an der sie einander erkennen, vielleicht
sogar willentlich von "den anderen" unterscheiden wollen.
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MOKUSO MEDITATION, ENTSPANNUNG
Mokuso, das "ruhige Denken" ist eine klassische Übung
aller budo und bujutsu Arten. Hier sitzen Lehrer und Schüler
vor und/oder nach der Übungseinheit für kurze Zeit in
seiza Position in Ruhe. Es ist aber nicht nur ein reines Zeremoniell,
ein Entspannen und Vergessen des täglichen Stresses und Einstimmen
auf die Übungen, auch nicht nur ein Rekapitulieren des Geübten,
oder eine reine Atemübung um den überhitzten Kreislauf
wieder zu beruhigen. Es ist, wie andere Zen Methoden, eine Übung
zur Entwicklung des hara, der geduldigen, ruhigen und durch nichts
zu störenden Ruhe des Geistes.
Der Übende entwickelt so parallel zu seinen körperlichen
Fähigkeiten eine neue Form geistiger Stärke, ein inneres
Bewusstsein, das ihn stark für alle möglichen Konfrontationen
macht. Körper und Geist sind untrennbar miteinander verbunden
- In einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist
- wie es bereits in der griechischen Antike formuliert wurde.
Mokuso leitet sich aus der Bezeichnung mokusho-zen ab, was wörtlich
"Zen der schweigenden Erleuchtung" bedeutet. Zen durchdringt
und begleitet so den Übenden durch alle seine Stadien; es
ist wie ein Finger, der in seinem Geist zeigt. Zuerst sieht man
nur die Hand, später den Finger, noch später sieht man,
dass der Finger auf etwas zeigt; und letztlich ist das zu erkennen,
auf das der Finger zeigt.
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ZUM VERHÄLTNIS LEHRER - SCHÜLER
Die strenge Trennung zwischen Schüler und Lehrer, zwischen
Lernendem und Lehrendem, ist nur ein Symptom für die Verschiedenheit
des Lehrer-Schüler-Verhältnisses in Japan und Europa.
Unbelastet von allen modernen Erkenntnissen der Pädagogik
vertrauen traditionelle Meister auf Erziehungsmethoden, die sich
seit 700 Jahren, seit der Einführung des Zen-Buddhismus,
nicht entscheidend verändert haben. Zentrale Bedeutung hat
dabei die persönliche Erfahrung, die Überlieferung von
"Herz zu Herz" (ishin-denshin), ohne wirklich Wert auf
das "Wort" und die Wissenschaft zu legen
Ein Beispiel einer typischen Unterweisung nach der Zen-Methode
in der Fechtkunst wird von Suzuki in folgender Anekdote geschildert:
"Als einst ein Schüler zu einem Meister
kam, um die Fechtkunst zu erlernen, erklärte sich der Meister,
der sich in einer Hütte in den Bergen zurückgezogen
hatte, bereit, ihn zu lehren. Er hielt den Schüler dazu an,
Reisig zu sammeln, Wasser aus der Quelle zu holen, Holz zu spalten,
Feuer zu machen, Reis zu kochen, die Stube und den Garten zu kehren
und überhaupt für den ganzen Haushalt zu sorgen. In
der Fechtkunst gab er ihm keinerlei rechte Unterweisung.
Nach einiger Zeit wurde der junge Mann unzufrieden, denn er war
nicht gekommen, dem alten Herrn als Knecht zu dienen, sondern
um die Kunst des Schwertes zu erlernen. So trat er eines Tages
zu seinem Meister und bat ihn um Unterricht. Dem war es recht.
In der Folge aber konnte der junge Mann keine Arbeit mehr in Ruhe
verrichten. Denn wenn er früh am Morgen den Reis zu kochen
anfing, erschien der Meister und schlug ihn von hinten mit dem
Stock. wenn er mitten im Kehren war, spürte er plötzlich
wieder einen Hieb von irgendwoher aus unbekannter Richtung. Er
hatte keinen Frieden mehr, hatte fortwährend sich in Acht
zu nehmen.
Ein paar Jahre vergingen, bis er mit Erfolg einem Hieb ausweichen
konnte von wo immer er kommen mochte. Aber der Meister war noch
immer nicht recht mit ihm zufrieden. Eines Tages war der Meister
dabei, sein eigenes Gemüse am Feuer zu kochen. Der Schüler
dachte, nun wolle er auch einmal die Gelegenheit nutzen. Er griff
nach seinem großen Stock und schlug ihn dem Meister, der
sich gerade über den Kochtopf beugte, um den Inhalt umzurühren,
über den Kopf. Doch der Meister parierte den Stock mit dem
Topfdeckel. Nun ging dem Schüler das Geheimnis der Kunst
auf, das ihm bisher fremd geblieben war.
Jetzt zum ersten Mal erkannte er, wie klug und freundlich der
Meister sich gegen ihn bezeigte."
Hierin liegt etwas von der Schulungsweise, die Zen eigentümlich
ist und darin besteht, die Wahrheit, welcher Art sie auch immer
sei, persönlich zu erfahren, ohne irgendeine verstandesmäßige
systematische oder theoretische Lehre."
"Mit dem Körper begreifen" ist eine stehende
Redewendung bei der Aneignung der traditionellen budo bzw. bujutsu
Künste. "Die Wahrheit zu erkennen und sie sich anzueignen,
das vermag immer nur ich-selbst. Dies nennt man die Selbstaneignung
(jitoku). Das Übermitteln erfolgt von "Herz zu Herz"
(ishin denshin). Es ist eine Weitergabe auf außerordentlichem
Weg, jenseits von Lehre und Gelehrsamkeit (kyogai betsuden)."
Einen außerordentlichen Weg kann man in der Tat den japanischen
Unterricht nennen. Ausgehend von einem Schüler, der eine
gute Erziehung, eine leidenschaftliche Liebe zu der von ihm gewählten
Kunst und einer kritiklosen Verehrung des Lehrers mitbringt, erzielt
er anfangs in ständiger Wiederholung eine Beherrschung der
äußeren Form. Der Senior (sempai) handelt, wie zu handeln
ist, führt die Technik aus, wie sie ausgeführt werden
soll, und der Junior (kohai) hat ohne zu fragen zu imitieren.
Da wird wenig, wenn überhaupt auf Textbücher, Trainingspläne
oder Coatching aus unerfahrener Quelle zurückgegriffen. Selbständigkeit
und Unternehmungslust werden vom Schüler nicht verlangt und
auch nicht gezeigt.
In jedem dojo gilt als ungeschriebenes Gesetz der Zen-Sinnspruch:
"Kein Verlass auf Worte".
Die seltenen Demonstrationen, die ein Meister - meist nach dem
Training - gibt, sind kurz und haben mehr den allgemeinen stimulierenden
Charakter einer Zeremonie als die ermüdende Wirkung eines
technischen Unterrichtes.
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ZUM WESEN DER JAPANISCHEN ÜBUNG
"Die Tatsache, dass in der kulturellen Gesinnung des Japaners
die Bezogenheit auf den "Weg" stärker ist als die
auf das "Werk" kommt auch in seinem Begriff der "Übung"
zum Ausdruck. Wir denken beim "Üben" vornehmlich
an die Ausbildung eines bestimmten Könnens, einer Fertigkeit,
einer Technik zu einer bestimmten Leistung und erst in zweiter
Linie an "Exerzitium". Für die Japaner bedeutet
Üben, auch wenn es zur Erzielung einer bestimmten Leistung
erfolgt, immer auch Weg des inneren Reifens.
Bei uns, in unserer modernen westlichen Denkweise, wird in einer
"neuen Fertigkeit ausgebildet", in einem vorher nicht
besessenen "Können". Im Vordergrund steht hier
im Allgemeinen die Leistung. "Nach" der Ausbildung "hat"
man mehr, "kann" man mehr, ohne aber dadurch zwangsläufig
als Mensch mehr zu "sein".
In jeder Übung liegt aber neben der Aussicht auf Verwirklichung
einer bestimmten Leistung auch die Chance zur Entwicklung des
Menschen in seiner gesamtgeistigen Haltung. Jede Übung birgt
im japanischen Weltbild in sich die Möglichkeit, die innere
Verfassung des ganzen Menschen auf eine "höhere Stufe"
zu heben, auf der er zu immer neuen, "höheren"
Erfahrungen gelangt, und die weit über das erlangte "Mehr
an Leistung" hinweg auch zu anderen "Wirkungen"
befähigen - zur "Freilegung und Entfaltung des personenhaften
Seins".
Fürchte dich nicht, langsam zu gehen,
fürchte dich nur, stehen zu bleiben.
"In allem ungeübten Handeln empfindet der Mensch
eine den harmonischen Vollzug störende Spannung zwischen
einem wollenden, aber auch noch unvermögenden Ich und einem
sich sperrenden Gegenstand. Um welches Leistungsgebiet es sich
auch handelt, wo immer der Mensch auf Grund langer Übung
zu einer vollkommenen Technik gelangt, die ihn befähigt,
das zu "Leistende" gleichsam "herauszuspielen",
kommt er in den Genuss einer Souveränität des Geistes,
die darauf beruht, dass die vorausgegangene Spannung von Ich und
Gegenstand, bzw. die Diskrepanz zwischen dem zunächst mangelhaften
Können und der geforderten Leistung überwunden ist.
Auf Grund der vorausgegangenen Spannung und Diskrepanz erlebt
er die in der Übung schließlich errungene Lösung
als einen tiefen beglückenden Einklang von Subjekt und Objekt."
(Herriegel)
Ein Einklang, der nur durch unbewusstes Handeln zu erreichen
ist, durch das hundertfache Wiederholen und automatisieren der
Techniken.
"So ermöglicht also erst die Automatisierung des
Technischen, die das Loslösen vom bewussten Denken herbeiführt,
das Erlebnis des Einklangs, an dessen Genuss und tiefer Bedeutung
jedoch der nur auf Leistung bezogene Mensch allzuschnell vorübereilt."
Hier berühren sich die Kampfkünste mit anderen Künsten,
denn losgelöst von ihrem gegenständlichen Sinn, den
Gegner zur Strecke zu bringen, bieten sie die Gelegenheit, eine
geistige Verfassung zu gewinnen, in der der Gereifte dann "siegt
ohne zu kämpfen" weil er, ichlos geworden, einerseits
die vollendete Leistung unfehlbar herausspielt, zum anderen in
seiner Ichlosigkeit den Gegner seines Objektes beraubt.
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ZUR ENTWICKUNG DES SCHÜLERS
Die klassische Budo Erziehung basiert also auf dem Konzept der
"self-activity", bei denen der Schüler verschiedene
Stadien der Entwicklung durchläuft:
Im gyo Level ("Beruf, Geschäft"), dem ersten Trainingsstadium,
wird der Trainee in den dojo, die Trainingshalle eingeführt.
Dies geschieht ohne große Worte, er soll intuitiv die richtige
Einstellung zum Geist seines dojo entwickeln.
Der unerfahrene Trainee empfindet den dojo zunächst nur
als Platz physischen Trainings. Die absolute Autorität seines
Meisters, die formelle Etikette, das reine Kopieren, Nachahmen
dessen was sein Meister tut, steht zunächst weit jenseits
seines gewohnten täglichen Lebens.
Die eigenen Aktionen und Reaktionen kontrollieren zu lernen erfordert
zunächst noch die gesamte Konzentration des Übenden,
seine gesamte Aufmerksamkeit.
Rasch lernt er, was sein Meister will: "Die ersten Dinge
zuerst." gyo zu üben heißt die budo Techniken
zu praktizieren, in blindem Vertrauen an seinen Meister, mit Blut,
Schweiß und Tränen.
"Frage nicht, trainiere."
heißt das Prinzip in diesem Stadium.
shugyo ("Studium, Lehre")- das strenge, herbe, rauhe
Trainingsstadium:
Shugyo ist ein Prozess des "Suchen eines Weges aus dem Dilemma",
und nur durch Disziplin ist dieser Weg zum do zu finden. Der Meister
führt den Schüler in ständige technische Dilemmas,
aus denen er nur durch eigene Aktionen herausfinden kann. Die
Überfülle an mechanischen Aktionen beim Nachahmen des
Meisters kann zu Verwirrung, ja sogar zum "technischen Schiffbruch"
führen.
Selbst dann wird der Meister kaum den Weg ebnen, erst im Zustand
totaler Hilflosigkeit reicht er dem Schüler einen Strohhalm
in Form eines dezenten Rates.
Mit fortschreitendem Training wird im shugyo Level die geistige
Energie des Trainees (kokoro) gesteigert, die hohe physische Belastung
bei der Bewältigung der zahllosen Aktionen führt außerdem
zum Problem, den eigenen Atem besser kontrollieren zu müssen.
Es ist dies der Anfang, kiai zu erfahren.
Im ersten, im gyo Level hat der Übende noch keine technischen
Kenntnisse. Er bewegt sich plump, aber die Unschuld seines noch
unverbildeten Geistes erlaubt ihm eine gewisse geistige Ignoranz,
Freiheit.
Im shugyo Stadium bewegt sich der Übende oft mechanistisch,
so als ob er jede seiner Bewegungen neu überdenken müsse,
kontrollieren ob sie in das bereits erlernte Muster passt. Stress
und Druck durch die ständig variierenden Umweltbedingungen
führen zu "technischen Schwierigkeiten"; dort wo
er am meisten flüssige Aktionen braucht, halten die Gedanken
des Übenden oft inne, verharren im unentschlossenen "Nachdenken",
im Schattenbereich des Halbwissens. Die Freiheit des Geistes ist
in diesem Stadium stark eingeengt.
Die Stärke des jutsu bzw. do Level schließlich ist
wiederum die "geistige Ignoranz", aber eine Ignoranz
am Ende des Intellektes; der Geist ist nicht mehr durch technische
Barrieren oder vorgegebene Formen eingeengt.
"Ziellosigkeit", wie sie vom Krieger angestrebt wird,
bedeutet nun nicht eine fehlende Einstellung auf äußere
Dinge oder sich darüber keine Gedanken zu machen; schon gar
nicht ist es ein einfaches "nicht-denken". Es ist ein
Status mentaler Balance, charakterisiert durch das "Sich
nicht Verankern" an einer einzelnen Sache, sich nicht einengen
lassen.
Es ist die geistige Stärke, das Arbeiten des "trainierten
Unterbewussten", welches letztlich alle physischen und psychischen
Kräfte konzentriert. Es ist etwas jenseits der Grenzen des
analytischen Verständnisses, jenseits des bewussten Strebens,
welches dem Meister ermöglicht, so direkt und unmittelbar
zu handeln, dass Intellekt und Nachdenken keinen Raum mehr finden.
"Nicht angespannt, sondern bereit sein,
nicht denken, aber auch nicht träumen,
sich nicht festlegen, sondern geistig flexibel bleiben -
Das bedeutet, mit allen Fasern und in sich selbst ruhend
lebendig zu sein, wachsam und konzentriert,
bereit für das was kommen mag."
(Bruce Lee)
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HARA
Wörtlich übersetzt heißt hara Bauch, meint also
tatsächlich auch den physischen Unterleib. Wie aber wir in
der westlichen Welt die Seele des Menschen im Herzen, im oberen
Brustraum lokalisieren, so denken sich die Japaner die Seele des
Menschen im hara beheimatet, im Körpermittelpunkt. Es ist
ein Mittelpunkt, der nicht nur die physische Kraft konzentrieren
soll und als Bewegungsschwerpunkt dient, sondern auch die vitale,
geistige Kraft in sich konzentriert.
Die Art und Weise, wie sich der Mensch körperlich hält,
sich spannt, wie er atmet und wie er sich selbst kontrolliert
und nach außen und innen hin gestaltet, hat ihren Ursprung
im hara.
Der japanische Kämpfer legt daher, ganz im Gegensatz zur
westlichen Praxis, wesentlich mehr Bedeutung auf die Entwicklung
des saika tanden, der unteren Köperregion. Die Übungen
des hara beginnen für jeden Japaner schon in der Kindheit
und sind fester Bestandteil der Erziehung. Sie sind so selbstverständlich
und tief verankert im ostasiatischen Weltbild, dass sie in der
Ausbildung besonderer Fertigkeiten nicht einmal mehr gesondert
angeführt werden.
Hara hat also auch einen geistigen Aspekt. Den klassischen Kampfkünsten
wie auch dem Zen-Buddhismus ist die Einsicht gemeinsam, dass die
tieferen Kräfte und Möglichkeiten des Menschen im hara
beheimatet sind.
"Der hartnäckigste Widersacher auf
dem Weg zum Gewinnen der Kraft der Mitte
ist das Haften am Ich, das mit seinem Eigensinn immer wieder die
Bezeugung jeglichen Könnens stört.
Erst wenn es gelingt, die Einmischung des Ichs auszuschalten,
kann die vollkommene Leistung - nun aber als Frucht einer
inneren Reife - hervorgehen.
Dann ist der Verstand nicht mehr nötig, der Wille schweigt,
das Herz ist still geworden und beglückend und treffsicher
zugleich vollzieht der Mensch sein Tun ohne sein Zutun.
Nicht er schießt mehr auf die Scheibe, sondern "Es"
schießt für ihn." (Herriegel)
Hara ist also im Zen-Buddhismus der ganze Mensch in seiner Verbundenheit
mit den basalen Kräften des Lebens."
Ohne die korrekten Ausdrucksformen des hara - Haltung (shisei),
Spannung (kincho), Atmung (kokyu) - verliert die Übung der
Kampfkünste ihren natürlichen Sinn und dient bestenfalls
der Körperertüchtigung.
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DER KIAI DER KAMPFSCHREI
Die Forderung, alle Kraft im hara zu konzentrieren und dann erst
wirksam werden zu lassen, hängt eng mit der Atemtechnik zusammen.
In vielen Zen Texten, speziell den Übungsanleitungen für
den za-zen Sitz wird die Atemtechnik eingehend beschrieben. Betont
wird ein kurzes Einatmen durch die Nase und langes ruhiges Ausatmen.
"Man bleibe dabei den hara zu festigen,
lange ausatmend.
Zum Einatmen langt ein Augenblick."
- eine Atemübung, die im dojo besonders vor und nach dem
Training im mokuso bewusst geübt wird.
Die Ausübung der Kraft sollte mit dem Rhythmus des Atems
übereinstimmen, dem Zusammenspiel geistiger und körperlicher
Kraft. Das Üben dieser Atemkraft, kokyu-ryoku, ist auch heute
noch fester Bestandteil der Vorbereitung und bewusstes Übungselement
in jedem Aikido dojo.
Auch in den anderen Budokünsten wird, zumindest theoretisch,
der Zeitpunkt des eigenen Angriffes durch den Atemrhythmus genau
festgelegt. Ausgeatmet fühlt man Muskeln und Bänder
sich entspannen, während eingeatmet das entgegengesetzte
Gefühl auftritt.
Der Angriff wird vorgetragen mit einem Kampfschrei, dem kiai,
der aber nicht im Kehlkopf artikuliert wird. Er hat seinen Ursprung
tief in der Lunge und entsteht dadurch, dass die eingeschlossene
Luft im Moment des Angriffes durch eine starke Kontraktion der
abdominalen Muskeln herausgepresst wird. Seine körperliche
Funktion besteht also darin, die kraftvollen Muskeln des "unteren
Körpers" mit denen des Oberkörpers zu einigen und
so einen geschlossenen Krafteinsatz zu ermöglichen. Nicht
minder wichtig ist, dass durch das "Entleeren der Lunge"
eine den Kreislauf stark belastende Pressatmung verhindert wird.
Das Wort kiai ist zusammengesetzt aus den Silben
ki = Energie - Geist, Gefühl, Bewusstsein, und
ai = Harmonie - einigen, zusammenführen, der sinologischen
Lesart für das Verb awasu.
Über das körperliche Moment hinaus impliziert kiai
das aktive Bewusstsein, oder die geistige Energie des Universums,
die auf ein Objekt konzentriert wird.
Aiki hat hingegen mit einem passiven Zustand, dem Nichttun zu
tun, in dem eben diese geistige Energie ruht.
- Psychologisch ist kiai die Kunst, die geistige Energie auf
ein einziges Objekt zu konzentrieren, dieses zu unterwerfen.
- Körperlich ist kiai die Fähigkeit tief und verlängert
zu atmen, und das hara mit Hilfe dieser Bauchatmung zu stärken.
- Philosophisch hängen kiai und der Zustand des "Nicht-Bewusstseins"
(mushin) eng zusammen.
"Ein überlegener Mann wird sein Bewusstsein
leer und ungestört halten,
denn solange das Bewusstsein ungeteilt ist, kann er es tausend
verschiedenen Möglichkeiten anpassen."
Kiai hat nichts mit einem lauten Schreien zu tun, mit einer Vergewaltigung
des gegnerischen Trommelfells oder gar der eigenen Stimmbänder.
Es kommt tief aus dem hara und ist die Konzentration der geistigen
und körperlichen Kräfte auf einen Punkt, so dass für
ein bewusstes Leben kein Raum mehr ist.
"Unbewusst und dennoch bewusst" kann dieser seelische
Zustand, mushin, charakterisiert werden. Genauso bewusst soll
kiai anfänglich jeden Angriff begleiten, muss aber schließlich
so unbewusst und spontan im Einklang mit dem Angriff hervorbrechen,
dass er wie dieser absichtsloses Ergebnis wird.
In der Meinung japanischer Kämpfer liegt der Schlüssel
zum Sieg nicht in der konkreten Kunst oder Technik, im kiai liegt
das Geheimnis des Erfolges.
"Ein Mensch kommt zart und nachgiebig
zur Welt - bei seinem Tod
ist er hart und stark.
Frische Pflanzen sind weich und voller Lebenskraft - bei ihrem
Tod
sind sie verdorrt und trocken.
Daher ist das Starre und Unbeugsame der Schüler des Todes,
das Weiche und Nachgiebige ist der Schüler des Lebens.
So gewinnt eine Armee ohne Wendigkeit niemals eine Schlacht, ein
Baum der unbeugsam ist, wird leicht gebrochen.
Das Harte und Starre wird vergehen, das Sanfte und Schwache wird
andauern."
Lao Tse
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